Die Sturmjagd

» Ursprung und Entwicklung eines faszinierenden Hobbys

Die so genannte Sturmjagd, welche in den Vereinigten Staaten von Amerika seinen Ursprung hat und spätestens nach dem Blockbuster “Twister” aus dem Jahre 1996 nahezu jedem ein Begriff ist, beschreibt das aktive beobachten und dokumentieren extremer, meist konvektiver Wetterereignisse. Die Begrifflichkeit der Jagd hat sich aus dem Umstand entwickelt, dass diese Tätigkeit zumeist nicht stationär erfolgt, sondern oftmals durch eine “Verfolgung” oder auch “Jagd” der Gewitterzellen geprägt ist.

Die Hintergründe dieses doch recht seltsamen und mit Vorurteilen behafteten Hobbys bedürfen stets einer differenzierten Betrachtungsweise. Ebenso wie das Wetter selbst sind die Persönlichkeiten, welche sich auf die Suche nach gerade dessen Extremen begibt, sehr verschieden. Mit Motivation, Disziplin, Zielvorstellungen und Gewissenhaftigkeit seien nur einige wenige Individualitätsmerkmale genannt welche der Sturmjagd und deren Persönlichkeiten eine Varianz verleiht, welche im Regelfall zwar gewinnbringend eingesetzt werden kann, nicht selten aber auch in Unprofessionalität und Wahnsinn endet. So schrieb Ludwig Fischer einst weise Worte: “Dem Naturereignis Wetter gegenüber sind zunächst einmal alle gleich, sie müssen es nämlich aben als ziemlich unmittelbare Naturgewalt hinnehmen, so verschieden sie dann auch darauf reagieren, sich darauf einzulassen haben, es wahrzunehmen sich erlauben können.”1

Zwischen Katastrophentourismus und Wissenschaft

Bezugnehmend auf die oben erwähnten Individuen und differenzierten Zielsetzungen bewegt sich die Sturmjagd auf einem Gebiet zwischen wissenschaftlicher Empirie und wahnhaftem Katastrophentourismus. Auch wenn genau zwischen diesen beiden Gruppen die Mehrheit der Sturmjäger anzusiedeln sind, so wird das öffentliche Meinungsbild nahezu ausschließlich von eben diesen Extremen polarisiert.

Das Fundament der ausübenden Extremwetterbeobachter ist aber in der oben bereits erwähnten Grauzone zu lokalisieren. Von der Faszination für Wetterereignisse getrieben und in der Regel ohne wissenschaftliches Know-How eignen sich die aktiven Sturmjäger fortwährend Erfahrung und Hintergrundwissen an. Bezugnehmend auf diese Entwicklung entwickelt sich ein Potenzial welches in Zukunft Grundlage wissenschaftlicher Perspektiven sein könnte. So könnten gerade in der anwendungsorientierten synoptischen Meteorologie, welche sich als Zusammenschau der Wettervorgänge in Raum und Zeit definieren lässt2, mittels der Sturmjäger Lücken im technisch ausgerichteten und umgestezten Messnetz geschlossen werden. Auch wenn die digitale Erfassung mittels meteorologischer Messgeräte und Radartechnologien oftmals eine fundierte Einschätzung diverser Wetterereignisse ermöglicht, so ist diese Methode immer mit dem limitierenden Faktor des technischen Fortschrittes behaftet. Diverse kleinskalige Begleiterscheinung sowie eine genaue quantitative Evaluierung sind auch heute nur begrenzt lokalisierbar. Genau diese Lücken könnten durch die vor Ort befindlichen Sturmjäger geschlossen und die “konvektive Extremwettersynoptik” somit qualitativ hochwertiger werden.

Das Skywarn-Konzept

Dieses Potenzial wurde in den Vereinigten Staaten von Amerika, welches zweifelsfrei häufiger unter konvektivem Extremwettereinfluss leidet, schon mitte des vergangenen Jahrhunderts erkannt. In den 70ern wurde dann mit Hilfe der nationalen Wetterbehörde das Projekt Skywarn ins Leben gerufen, welches sich zum Ziel gemacht hat mit Hilfe geschulter ehrenamtlicher Wetterbeobachter das Unwetterwarnmanagement qualitativ zu verbessern und somit die Zahl der Opfer zu reduzieren. Heute zählt diese Organisation fast 290.000 Mitglieder und ist zu einem festen Bestandteil der Warnkette geworden.3

Ganz nach amerikanischem Vorbild kam es 2003 zur Gründung von Skywarn Deutschland e.V., welches ebenfalls in enger Kooperation zu nationalen Wetterdiensten steht und sich zur Aufgabe gemacht hat ehrenamtliche Beobachter auszubilden und ins Unwettermanagement zu integrieren. So haben ambitionierte Sturmjäger die Möglichkeit sich von Skywarn Deutschland zertifizieren zu lassen, um dann an Richtlinien gebundene Unwettermeldungen telefonisch an die Wetterdienste zu übermitteln.4 So kann neben der hobbymäßigen Ausübung ein Beitrag für die Gesellschaft geleistet und im Einzelfall auch das ein odere ander Leben retten kann.

 

Quellen- und Literaturverzeichnis
1 FISCHER L. (1981), Alle Wetter – Begegnung mit einem Gesprächssammler in Kursbuch 64, Kursbuch Verlag, Berlin
2 KRAUS H. (20043), Die Atmosphäre der Erde – Eine EInführung in die Meteorologie, Springer Verlag, Heidelberg
3 Skywarn National (online), www.skywarn.org/about, abgerufen am 09.06.2011
4 Skywarn Deutschland e.V. (online), http://www.skywarn.de/texte/sinn_und_zweck1.htm, abgerufen am 09.06.2011

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